Die größten Städte der Welt liegen an den Küsten. Der Meeresspiegel steigt stetig und etwas muss getan werden. Zum Beispiel: Eine Stadt im Meer errichten.

Je nach Standort würden Architektur und Materialien angepasst. Foto: OCEANIX/BIG-Bjarke Ingels Group

Wir schlendern über einen hölzernen Steg. Rechts von uns schwappt das Meer gegen das Holz und dahinter sehen wir die Skyline von Singapur. Links von uns steht ein modernes Gebäude aus Holz und Bambus. Große Glasflächen in den paar Stockwerken bieten eine friedliche Aussicht und das Dach des Gebäudes ist mit Solarpaneelen und Windrädern bedeckt. Fahrräder fahren an uns vorbei und andere Bewohner kommen uns entgegen. Im Wasser dümpeln kleinere Motorboote und eine öffentliche Fähre fährt an den Stegen entlang und bringt Leute von einem Teil dieser schwimmenden Stadt zum anderen.

Oceanix

Diese schwimmende Stadt vor der Küste von Singapur klingt nach einem Wunschtraum aus einer Science-Fiction-Geschichte und tatsächlich sind Erzählungen von Städten in den Ozeanen dort ein gängiges Element. Diese Stadt allerdings ist mehr als. Die Beschreibung beruht auf den Plänen des Unternehmens Oceanix, die gemeinsam mit dem dänischen Architekturbüro BIG und mehreren weiteren Partnern entstanden sind. Oceanix reagiert mit diesen Plänen auf ein akutes Problem. Die Menschheit zieht es immer mehr in die Städte der Welt. Schon jetzt gibt es weltweit 33 Megastädte – also Städte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern – und viele von diesen befinden sich an Küsten. Gleichzeitig führt die Klimakrise zu einem enormen Anstieg des Meeresspiegels. Laut aktuellen Schätzungen wird er bis 2100 um 65 cm im Vergleich zu 2005 ansteigen. Einige der größten Städte der Welt würden so langsam aber sich überflutet.

Siedlung, Dorf, Stadt

Um dagegen zu reagieren, kam die Idee auf, doch nicht gegen die Ozeane zu kämpfen, sondern sie als das zu nutzen, was sie wegnehmen: Lebensraum. Dazu hat BIG eine modulare Waben-Struktur entwickelt, die je nach Bedarf erweitert werden kann. Beginnend mit einer Siedlung auf einer einzelnen Wabe für etwa 300 Personen, entsteht ein Dorf für 1.650, wenn man sechs von ihnen zusammenschließt. Diese Dörfer können wiederum mit anderen verbunden werden und werden zur Stadt für 10.000 Bewohner. Und so weiter.

Dabei sollen Siedlungen, Dörfer und Städte völlig autark agieren. Sie sind nicht nur Wohnraum, sondern auch Energieerzeuger mit Solar-, Wind- und Strömungskraftwerken, sie fungieren als Farmen sowohl im Sonnenlicht als auch im Wasser und als komplette Lebenswelt mit Märkten, Freizeitangeboten und mehr. Auch für Wasserversorgung und -aufbereitung wäre gesorgt, genauso wie für die Müllentsorgung. Kleinere Inseln rund um die Stadt würden noch weitere zusätzliche Aufgaben erfüllen und Platz für etwaig benötigte größere grüne Kraftwerke bieten.

Eine Stadt mitten im Meer mit eigenen Farmen, Kraftwerken und neuem sicheren Wohnraum. Foto: OCEANIX/BIG-Bjarke Ingels Group

Regional und nachhaltig

Bei größeren Konstellationen können einzelne Stadtteile wiederum spezielle Aufgaben erhalten und so einen eigenen Charakter erlangen. In dem Konzept stehen dabei die Menschen im Vordergrund und es gibt keine dezidierten Straßen für Autos. Das ganze Leben beruht auf einem Sharing-Modell.

Die Architektur ist modern gestaltet und legt einen Fokus auf möglichst große Dachflächen für Solarpaneele, weshalb Gebäude wirken wie kopfstehende Pyramiden. Gleichzeitig sollen sie den regionalen Begebenheiten entsprechen, sowohl in praktischer Hinsicht, als auch in stilistischer. Ein Augenmerk liegt auch auf den verwendeten Materialien.

Diese sollen laut Plan aus jenen Regionen stammen, in denen die schwimmenden Städte schließlich angesiedelt sind und die lokale Bevölkerung soll einen elementaren Beitrag zum Bau beitragen. Im Zusammenhang damit – und mit dem nachhaltigen Grundgedanken der schwimmenden Städte –  spielt auch der Baustoff Holz eine zentrale Rolle. Er scheint in der Bauweise klar durch und ist das zentrale bauliche und optische Element der Städte.

Viele offene Fragen

Aber es noch nicht alles in trockenen Tüchern. Noch ist zum Beispiel unklar, wie die Oceanix-Cities finanziert werden sollen. Die UN haben ihre Unterstützung angekündigt, aber nicht in monetärer Hinsicht. Von privaten oder staatlichen Finanziers ist bis dato nichts bekannt. Gleiches gilt für die Höhe der Kosten, auch wenn an dieser Stelle gesagt sein sollte, dass diese bei allen Varianten zum Tragen kommen, die dieses Problem behandeln.

Ein anderer Kritikpunkt ist die Frage, wer denn einen Platz auf diesen Inseln bekommen soll. Auch hierzu gibt es keine konkreten Antworten der Planenden und letzten Endes wird diese Frage auch auf jene Staaten zurückfallen, die die schwimmenden Städte bauen. Es wird sich also zeigen, wer zuletzt einen Spaziergang durch die schwimmende Stadt machen kann. Alle? Oder nur jene, die es sich tatsächlich leisten können? (flb)

 

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